Die Reden an die deutsche Nation[1]
Historischer Hintergrund
Anfang des 19. Jahrhunderts: Napoleon hat mit seiner Armee fast ganz Europa unter seine Kontrolle gebracht und beginnt den Kontinent nach seiner Vorstellung umzuwandeln . Für viele Zeitgenossen im deutschsprachigen Raum ist eines der „Opfer“ dieser neuen Zeit: Deutschland.
Deutschland? Welches Deutschland? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Nur eines ist für viele Intellektuelle klar: Es liegt in Trümmern. Der Expansionsdrang und Machtwille Napoleons, der sich 1804 zum Kaiser der Franzosen ernannte, führte zu einer politischen Neuordnung Europas: Aus den eroberten und besiegten Gebieten, darunter Italien, der Schweiz, das deutsche Rheinland, Preußen und Österreich, entstanden neue, von Frankreich abhängige Satellitenstaaten. 1806 wurden 16 süd- und westdeutsche Fürstentümer, die aus dem Deutschen Reich austraten, im so genannten Rheinbund zusammengeschlossen, der eng an Frankreich gebunden war – der Rheinbund ist ein Gebilde von Napoleons Gnaden. Daraufhin legte Kaiser Franz II. am 6. August 1806 die Reichskrone nieder und besiegelte damit das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Preußen wurde von Napoleons Eroberungspolitik besonders hart getroffen. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 verlor es mehr als die Hälfte seines Territoriums, darunter die gesamten westelbischen Gebiete. Österreich ist besiegt, aber immerhin noch im Status einer Großmacht.
Entstehung
Als am 27. Oktober 1806 die siegreichen französischen Truppen in Berlin einzogen und die Stadt besetzten, fühlte sich Fichte zum Handeln aufgerufen.
Fichte kündigte seine „Reden an die deutsche Nation“ als Fortsetzung seiner drei Jahre zuvor gehaltenen Vorlesungen über „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ an, in denen er seine Geschichtsphilosophie ausführlich dargelegt hatte. Es waren nicht Fichtes erste politisch-geschichtsphilosophischen Schriften. 1793 verfasste er den „Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution“, 1794 die „Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten“ und schließlich 1796/97 die „Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“.
Die 14 Reden hielt er vom 13. Dezember 1807 bis zum 20. März 1808 jeden Sonntag zur Mittagszeit im runden Saal der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Der Termin – unmittelbar nach dem Kirchgang – sollte es nicht nur Studenten und Gelehrten, sondern auch dem einfachen Volk ermöglichen, die Vorlesungen zu hören. Hier steht Fichte in der Tradition der Popularphilosophie der Spätaufklärung.
Die Reden folgen keiner bestimmten Systematik, im Mittelpunkt stehen abwechselnd Fichtes Betrachtungen zur deutschen Geschichte und seine Vorstellungen einer Nationalerziehung, die nach und nach präzisiert werden. Die letzte Rede gerät zu einem politischen Manifest, in dem der Autor alle Deutschen beschwört, sofort zu handeln und sich persönlich zu engagieren.
Er entwickelt staatsphilosophische Ideen und daraus einen leidenschaftlicher Appell an seine Landsleute, um aus den Ereignissen der vergangenen Jahre etwas Neues aufzubauen. Bei allen nationalistischen Tönen geht es Fichte jedoch nicht um eine deutsche Weltherrschaft, sondern darum, die Ideen der Französischen Revolution gegen den (seiner Meinung nach) „Tyrannen Napoleon“ zu verteidigen. Das einzige Mittel, um sein Ideal einer sittlichen, auf Vernunft gegründeten Nation zu verwirklichen, sieht Fichte in der Erziehung. Der Einzelne muss angeleitet werden, seinen Egoismus zu überwinden und die Sache der Nation zu seiner eigenen zu machen. Fichte sah im Zustand Deutschlands gegen die Franzosen den Beweis für die Einordnung seiner Gegenwart in das „dritte Zeitalter“ („Grundlagen des gegenwärtigen Zeitalters“), zugleich aber auch die Chance für einen Neubeginn.
In Anlehnung an die ursprünglichen Ideen der Französischen Revolution sollten die Bürger aus ihren traditionellen ständischen und wirtschaftlichen Bindungen befreit und stärker in die Gestaltung des Gemeinwesens eingebunden werden. Es sollte eine Nation von gleichberechtigten Staatsbürgern entstehen.
„Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseitesetzend und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.“ (S. 13)
Primäre Gedanken
- Fichtes idealistische Geschichtsphilosophie ist von der Idee des kulturellen Fortschritts geprägt. Der Verlauf der Geschichte folgt demnach einem vorherbestimmten Weltplan und lässt sich in fünf verschiedene Entwicklungsphasen gliedern. Seine eigene Epoche rechnete Fichte der dritten Phase zu, die von Egoismus, Selbsterhaltung und Sündhaftigkeit geprägt sei.
- Laut Fichte stiftet die Sprache die nationale und kulturelle Identität eines Volkes. Hinter dieser Haltung steht ein philosophischer Essenzialismus: Fichte glaubt an ein deutsches Wesen, das unabhängig von der zeitgeschichtlichen Ausprägung der Nation existiert. So sieht er die Deutschen vor allen anderen Völkern zur Philosophie befähigt und attestiert ihnen aufgrund ihrer „ursprünglichen“ Sprache eine besonders tiefe Beziehung zur Philosophie.
- Philosophie, Wissenschaft und die schönen Künste sind für Fichte keinesfalls Selbstzweck, sondern sie sind stets eng mit dem Leben verbunden. Er vertritt eine ganzheitliche Auffassung von Philosophie, die Denken und Tun, Wissen und Handeln als untrennbare Bestandteile des Lebens begreift.
- Wie schon bei Platon kommt dem Philosophen im Staat eine besondere politisch-erzieherische Aufgabe zu.
Wenn Fichte von den Deutschen spricht, sind für Fichte alle Deutschen gemeint, unabhängig von den Unterscheidungen, die in den letzten Jahrhunderten die Nation seiner Meinung nach gespalten haben. Die Deutschen müssen endlich sich auf ihre eigenen Kräfte besinnen, statt Hilfe von außen zu erwarten. Sie verwechseln eine schwache Regierung mit Humanität und Liberalität. Nur durch eine neue Nationalerziehung aller Deutschen gleich welchen Standes kann der Niedergang der Nation noch aufgehalten werden.
Auf den Punkt der Nationalerziehung möchte ich heute näher eingehen. Deren Ziele werden insbesondere (aber nicht nur) in der Zweiten und Dritten Rede formuliert. Auf diesen beiden Reden wird mein Schwerpunkt in diesem Vortrag liegen.
Fichte stellt klipp und klar fest: Ziel ist es, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu erziehen. Diese neue Erziehung ist nicht planlos, sondern hat ein festes Ziel. Die neue Nationalerziehung sollte sich nicht auf die Ermahnung beschränken, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Vielmehr muss sie in den jungen Menschen die Willensfreiheit vernichten, sodass diese gar nicht mehr anders können, als das Gute zu wollen. In meinen Worten etwas populär ausgedrückt: der junge Mensch muss zu seinem Glück gezwungen werden. Ziel der Erziehung muss also sein, die Selbstliebe auszutreiben und an ihrer Stelle die Liebe zum Guten einzupflanzen. Und es muss die Selbstliebe durch eine höhere Liebe ersetzt werden – die Liebe zur Nation! Man strebt nämlich nur nach dem, was man liebt. Die Schüler sollten Erziehung nicht bloß passiv erdulden, sondern gerne und selbstständig lernen. Fichte folgt dabei dem Vorbild Johann Heinrich Pestalozzis.
Wenn die Grundbedürfnisse des Menschen befriedigt sind, strebt er von Natur aus danach, sich geistig zu betätigen und weiterzuentwickeln. Die neue Pädagogik nutzt diese natürliche Anlage, indem sie die Fantasie und den Geist anregt. Die Schüler gelangen durch Selberdenken und durch praktische Anwendung zu Erkenntnis, nicht durch mechanisches Auswendiglernen. Dieses verdirbt den Charakter und ist eine der Ursachen des Untergangs Deutschlands. Nur lustvolles Lernen aus eigenem Antrieb fördert die Sittlichkeit, während oberflächliches Pauken den Geist lähmt und die Selbstsucht weckt. Der junge Mensch soll sich als Teil einer höheren, göttlichen Ordnung begreifen, für die er im Hier und Jetzt wirkt, nicht erst im Jenseits. Erziehung in diesem Sinne ist die Kunst, den ganzen Menschen zum Menschen zu bilden, zu dem, was ursprünglich in ihm angelegt ist. Auch – und hier hat Fichte meines Erachtens eine grundlegende Feststellung formuliert – dem Zögling muss klargemacht werden, dass er nicht nur während seiner kurzen Lebensspanne Mitglied der menschlichen Gemeinschaft ist, sondern er muss sich als „Glied der ewigen Kette des geistigen Lebens“ begreifen. Und damit in letzter Konsequenz als Wesen unter einer höheren Ordnung. Am Ende dieses Prozesses steht die Erschaffung eines neuen Menschengeschlechts, das vom gegenwärtigen vollkommen verschieden ist.
„Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr (…) bloß als die Kunst, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein als die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und vollständig zum Menschen zu bilden.“ (S. 49)
Die Nationalerziehung zur wahren Religion
Ein weiteres wichtiges Ziel der neuen Erziehung ist nicht nur die Erziehung zur deutschen Nation, sondern auch die Erziehung zur wahren Religion. Für Fichte ist „die Religion der alten Zeit“ eine der Ursachen für den Zustand der gegenwärtigen Welt. Viele Christen kümmern sich nicht um Staatsangelegenheiten, mit der Begründung, das irdische Leben sei ohnehin ein Jammertal und bloß ein Vorspiel zum wahren Leben nach dem Tod. Diese Auslegung der Religiosität ist falsch und widerspricht dem natürlichen Trieb des Menschen, das jetzige Leben zu verschönern und seinen Nachfahren, in denen er fortlebt, eine bessere Welt zu hinterlassen. Es ist der Glaube an die ewige Fortdauer der Nation, der den Einzelnen dazu bringt, an der Gestaltung dieser Welt tätig mitzuwirken und sich für das Vaterland aufzuopfern. Wer dagegen von der Vergänglichkeit des irdischen Lebens überzeugt ist, kann sich selbst und sein Vaterland nicht lieben, ja er hat gar kein Vaterland. Die Vaterlandsliebe muss der höchste Zweck des Staates sein. Denn die glühende Vaterlandsliebe weckt in den Bürgern die Bereitschaft, für die Freiheit und Selbstständigkeit ihres Volkes notfalls auch ihr Leben zu opfern.
Die alte Religion habe das Göttliche vom Geistigen getrennt. Gott wurde nur dazu benutzt, die Selbstsucht über den Tod hinaus „in andere Welten“ zu verlängern. Die Religion als „Dienerin der Selbstsucht“ muss zu Grabe getragen werden.
„Die Ewiggkeit bricht in der neuen Zeit nicht erst jenseits des Grabes an, sondern Mitten in der Gegenwart“ (S. 46)
Eine Religion im alten Sinn ist, so Fichte, in einer wohlgeordneten Gesellschaft unnötig. Die reine Sittlichkeit ist für sie völlig ausreichend. Was ist dann der Zweck der neuen Religion? Dieser ist nur im Privaten zu finden. Sie hilft dem einzelnen Menschen mit sich selbst ins Reine zu kommen. Der einzige gesellschaftliche Sinn der Religion ist, wenn eine Gesellschaft sich im Zustand der höchsten Unsittlichkeit und Verderbtheit befindet. Wenn aber die neue Erziehung die Gesellschaft neu geformt hat, wird sie als Motor der Entwicklung unnötig.
„Nur diejenige Nation, welche zuvörderst die Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen, durch die wirkliche Ausübung, gelöst haben wird, wird sodann auch jene des vollkommenen Staats lösen.“ (S. 102)
Die Nationalerziehung zum mündigen Menschen
Die neue Erziehung vermittelt den Schülern nicht in erster Linie Sinnes- und Naturerfahrungen, sondern führt sie gleich in die Welt des Geistes. Sie zeigt ihnen, dass mit dem Fortbestand des Vaterlands auch das Fortdauern ihres eigenen Lebens gesichert ist, und weckt damit die Vaterlandsliebe, die Grundlage jedes guten Staates. Wichtig ist die Schulung des Empfindungsvermögens, wodurch ein Kind ein Bewusstsein von seinem Ich erhält. Durch dieses Bewusstsein wird es die Welt wahrnehmen, seine wahren Gefühle kennen lernen und sich zu einem freien Menschen entwickeln.
„Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sei, und nicht bloß eine vorübergehende Begehrlichkeit, haftet nie auf Vergänglichem, sondern sie erwacht und entzündet sich und ruht allein in dem Ewigen.“ (S. 133)
Die Nationalerziehung soll nicht in erster Linie Gelehrte heranbilden, sondern mündige Menschen, die zur Liebe fähig sind. Das kleine Kind strebt von Natur aus nach Achtung, die ihm erst Selbstachtung ermöglicht. Die Grundlage jeder sittlichen Erziehung muss darin bestehen, diesen angeborenen Trieb zu festigen und zu stärken. Freiwillige Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung müssen gefördert werden, bis das Kind aus eigenem Antrieb das Richtige und Gute anstrebt, weil es daran Gefallen findet. Der mündige Mensch ist nicht mehr auf den Beifall anderer angewiesen und erhebt sich über fremdes Urteil, denn er findet Bestätigung in sich selbst.
Die Reden als philosophische Utopie
Um Kinder nicht mit schlechten Gewohnheiten anzustecken, müssen sie schon früh aus der Erwachsenenwelt entfernt und von besonders befähigten Lehrern erzogen werden. Mädchen und Jungen aller gesellschaftlichen Stände sollten gemeinsam in Erziehungsanstalten unterrichtet werden, die gewissermaßen kleine Staaten mit eigenen Gesetzen wären. Die Verantwortung für die Schulen sollte der Staat haben, nicht die Kirche, der mehr am Jenseits als am wirklichen Leben gelegen ist. Der Staat würde durch gut ausgebildete junge Menschen die Kosten für das Heer sparen, auch Gefängnisse, Armenanstalten und Gerichte würden bald überflüssig. Das zeigt, dass die Erziehung die wichtigste Aufgabe des Staates ist, denn damit rettet er die Menschheit vor dem drohenden Untergang. Der Staat muss seinen Plan mit Zwang und gegen den Willen der Eltern durchsetzen. In diesen Gedanken sieht man, dass meines Erachtens die „Reden“ auch in der Tradition der utopischen staatsphilosophischen Tradition von Platon über Augustinus und Thomas More liegt.
Weitere Gedanken: Die Rettung der deutschen Nation – und der Welt
Die Mehrheit der Menschen ist inzwischen an das Schlechte gewöhnt und abgestumpft. Bis ein neues Menschengeschlecht herangereift ist, hilft es nur, weiter an die Freiheit zu glauben und die Deutschen müssen gegen alle ausländischen Einflüsse den eigenen Charakter verteidigen. Ohne die politische Selbstständigkeit Deutschlands wird die deutsche Sprache, die ja die Nation zusammenhält und deren Grenzen bestimmt, wie auch die Literatur untergehen. Die Einigkeit der Deutschen entscheidet über den Fortbestand der Nation. Expansionismus und Kolonialismus sollten Deutschland fremd sein, es muss sich selbst genügen. Alle Pläne einer Universalmonarchie zielen nicht auf eine Befreiung der Menschen, sondern auf ihre Ausbeutung und Unterdrückung. Jeder Deutsche muss sofort bei sich selbst anfangen, muss seine Dumpfheit, seine Schwächen und Irrtümer überwinden, um den drohenden Untergang der Nation abzuwenden. Dies ist von globaler Bedeutung. Von einer wiedergeborenen deutschen Nation wird die Erneuerung der ganzen Welt ausgehen. Dabei muss Deutschland die Vorreiterrolle spielen, da das Deutsche für Fichte im Gegensatz zu den romanischen Sprachen lebendig ist und sich nicht aus einer toten Sprache entwickelt hat. Das kann man in der Geschichte und ganz besonders in der Philosophie immer wieder erkennen. Selbst wenn romanisch-sprachige Philosophen etwas gedacht haben, es war das lebendige Deutsche, dass es konkretisiert hat und – noch wichtiger – umgesetzt. Der deutsche Philosoph hat die Philosophie vom Kopf auf die Beine gestellt. In diesen Gedanken liegen die Wurzeln der nationalistischen Leseweise der „Reden“.
Wirkungsgeschichte
Die Gleichsetzung von Vernunft und Deutschtum, (das nicht mit Waffengewalt, sondern mit den Mitteln der Erziehung über die ganze Menschheit verbreitet werden soll), trug Fichte den Vorwurf des Chauvinismus ein. Zwar werden andere Nationen von Fichte eingeladen, dem deutschen Vorbild zu folgen. Aber seine Überhöhung des deutschen Nationalbewusstseins hat sich später geradezu angeboten, missbraucht zu werden.
„(…) wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend (…)“ (S. 198)
Ob zu Recht oder Unrecht möchte ich hier zunächst im Raum stehen lassen.
Fichtes „Reden“ übten vermutlich Einfluss auf die preußischen Staatsreformen des Freiherrn vom Stein aus, auch wenn dieser sich nicht ausdrücklich auf das Werk bezog. Überhaupt fielen die Reaktionen der Zeitgenossen eher verhalten aus; die zweite Auflage erschien erst 1816. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewannen die Reden wieder an Aufmerksamkeit, ab 1848 wurden sie von der Politik und verschiedenen Intellektuellen immer wieder zitiert. Dabei werden sie auch in Bezug zu Fichtes Wissenschaftslehre gebracht, in diesem Zusammenhang berief sich auch Marx auf Fichte. Auf Rudolf Steiner und das anthroposophische Menschen- und Erziehungsbild übte Fichte in der Zeit der Lebensreformbewegung Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts großen Einfluss aus. Nach dem 2. Weltkrieg, etwa in der Interpretation des französischen Philosophen André Glucksmann, galt Fichte deshalb als Wegbereiter des Nationalsozialismus und Totalitarismus („Die Meisterdenker“ („Les maîtres penseurs“) 1977) (Hier muss ich Glucksmann aber den Vorwurf machen, die „Reden“ einfach nicht ideologiefrei gelesen zu haben). Ich möchte aber in meiner künftigen Arbeit unter anderem die aufklärerischen, kosmopolitischen Auffassungen Fichtes stärker ins Blickfeld rücken. Es geht Fichte nicht darum, den (deutschen) Menschen zu einem Rädchen in einer kommunistischen oder faschistisch-nationalsozialistischen Staatsmaschine zu machen. Für Fichte kann nur ein starkes selbständiges und gebildetes Individuum die Grundlage eines starken Staates sein. Darin liegt auch die Modernität der „Reden“. Könnten sie sogar als Grundlage einer neuen, europäischen Nation dienen?
Referenzen
Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, Meiner Verlag, Hamburg 2008
Johann Gottlieb Fichte, Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution, Verlag tredition classics, 2001
Johann Gottlieb Fichte, Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, Sammlung Zenodot, 2011
Herfried Münkler, Grit Straßenberger, Politische Theorie und Ideengeschichte, Verlag C. H. Beck, München, 2020
Peter L. Oesterreich, Aufforderung zur nationalen Selbstbestimmung – Fichtes Reden an die deutsche Nation, aus: Zeitschrift für philosophische Forschung, Band 46, 1992, S. 44 – 55
Peter L Oesterreich, Hartmut Traub, Der ganze Fichte, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006
Manfred Kühn, Johann Gottlieb Fichte – ein deutscher Philosoph, Verlag C. H. Beck, München 2012
Arash Abizadeh, Was Fichte an ethnic nationalist? On cultural nationalism and its double, aus: History of Political Thought, Vol. 26, 2005, S. 334 – 359
Konstantinos Masmanidis, Fichtes Begriff der politischen Philosophie, Eichstätter philosophische Beiträge, Verlag Karl Alber, München/Freiburg, 2014
Andre Glucksmann, Die Meisterdenker, DVA, 1998
[1] Die Ausschnitte aus den „Reden“ werden im folgenden zitiert nach: Johann Gottlieb Fichte, „Reden an die deutsche Nation“, Meiner Verlag, Hamburg 2008
